PHOTOSOPHIE

Meine Fotografien sind mir oft ein Ausgangspunkt, um weiter zu denken. Mich über das Einzelbild hinaus mit ihnen zu beschäftigen. Was lösen sie aus, welche Bezüge kann ich herstellen? In meiner Serie DUOs, vorgestellt im Rahmen der Kulturnacht Laufenburg 2021, verbinde ich jeweils zwei Fotografien und gewinne ihnen Aspekte ab, die oft gesellschaftlich und philosophisch grundiert sind. Daher die Bezeichnung PHOTOSOPHIE

Serie DUO: Amerika / Paris / Sao Paulo / Basel

Eine Menge unterschiedlicher Bilder und Bildschichten sind in diesem Duo enthalten. Es sind Fotografien von Fotografien. Und sie verbinden Amerika mit Paris,

Sao Paulo mit Basel.

 

Die erste Aufnahme ist durch die Scheibe einer Hotellobby in Paris entstanden, wir blicken in den Aufenthaltsbereich. In diesem Raum, an der mit einer Tapete eng gestreiften Wand, hängt eine Fotografie. Sie zeigt das Porträt eines indigenen Mannes. Energischer, fokussiert Blick. Diese Fotografie überlagert sich mit der im Fenster gespiegelten Strasse. Die vielfältigen Linien meiner Aufnahme machen es dem Auge nicht leicht, einen Fokus zu finden: es braucht Konzentration. Vielleicht bedingt es einen Blick des Betrachters, so zielgerichtet und unbeirrbar wie der des indigenen Mannes. Welche Gedanken und Vorstellungen beschäftigten ihn wohl, während er fotografiert wurde? Wohl kaum, dass sein gerade entstehendes Porträt ungefähr 140 Jahre später in  der Lobby eines exklusiven Pariser Hotels über einem bequemen Sofa hängen könnte. Eher, was die Zukunft ihm und seiner Gemeinschaft bringen wird. Seine Fotografie hat diese lange Zeitspanne überdauert, sie hat einen Platz gefunden – einen Ort, der Jemandem (vielleicht dem Hotelmanager) dafür als passend und sinnvoll erschien. Ob das auch für seine damalige Gemeinschaft gilt, scheint mir fragwürdig.

 

Auch in der zweiten Aufnahme betrachten wir eine andere Kultur. Sie wirkt auf uns allerdings vertrauter. Die grossformatige Fotografie im Eingang des Architektur-museum Basel präsentiert die Szene eines belebten Schwimmbads auf einem Hochhaus in Sao Paulo, Brasilien. Durch die halb geöffnete, verglaste Türe spiegelt sich ein Basler Gebäude (rechts). Sao Paulo und Basel, sich überlagernd, verbindend in einem Bild. Schweiz und Brasilien vereinen auch die Biografie des Fotografen

(und Architekten) der Sao Paulo Aufnahme: Ciro Miguel. Geboren in Brasilien, arbeitet er heute in Sao Paulo und Zürich. Um Sao Paulo mit Basel zu verbinden, benötigte ich sehr wenig Zeit: genau 1/250sec Verschlusszeit. Im Gegensatz dazu hat Ciro Miguel viel mehr Zeit dafür aufgewendet, seine persönliche und bestimmt prägende Verbindung mit diesen beiden weit entfernten Orten herzustellen.

 

«Fotografien bieten mehr als eine Neubestimmung des Stoffs unserer alltäglichen Erfahrungen (Menschen, Dinge, Ereignisse – alles was wir, wenn auch vielleicht anders und häufig, ohne es recht wahrzunehmen, mit dem blossen Auge sehen); sie machen eine Vielzahl von Dingen sichtbar, die wir ohne sie niemals sehen würden.» Susan Sontag (1933-2004), ‘Über Fotografie’ (Zitat Seite 149), S. Fischer Verlag

Serie DUO: Resonanz

Dieses Duo bilden zwei Fotografien aus dem Umfeld der Europaallee in Zürich. Das erste Bild habe ich aus dem Zug aufgenommen. Gerade passiert er noch ein Hochhaus und taucht dann in den unterirdischen Bahnhof ein. Die andere Fotografie zeigt einen Mann am Ende der Rolltreppe zum Ausgang Europaallee. Über ihm einige der Neonkreise von Carsten Höllers’ Werk 'Denkmal für Hans Künzi'. Auf dem Bild entsprechen die beiden Kreise rechts den Passanten auf der anderen Seite. Höllers Arbeit thematisiert die enormen Personenströme, die den Zürcher Hauptbahnhof täglich frequentieren. In Höllers 'Denkmal für Hans Künzi' geht es um Menschen, die den Bahnhof meist rastlos und eilig auf dem Weg zu anderen Zielen durchqueren. 

 

«Unablässig versucht der moderne Mensch, die Welt in Reichweite zu bringen: Dabei droht sie uns jedoch stumm und fremd zu werden: Lebendigkeit entsteht nur aus der Akzeptanz des Unverfügbaren.» So steht es auf der Titelseite von ‘Unverfügbarkeit’, einem Buch des Soziologen Hartmut Rosa. Den Drang des Menschen nach stetiger Steigerung, Ausdehnung seiner Möglichkeiten und erhöhter Beschleunigung sieht Rosa nicht nur in der Gier nach mehr begründet, sondern auch in der «Angst vor dem Immer-weniger (…). Es ist nie genug, nicht, weil wir unersättlich sind, sondern weil wir (…) wie auf Rolltreppen nach unten stehen: Wann und wo immer

wir anhalten oder innehalten, verlieren wir an Grund gegenüber einer hochdynamischen Umwelt, mit der wir überall in Konkurrenz stehen.» Es gebe keine Nischen mehr, um innezuhalten oder gar zu sagen: «Es ist genug.» 

 

Rosas Theorie der ‘Resonanz’ ist ein Gegenentwurf zu dieser entfremdeten Weltbeziehung. «Nicht das Verfügen über Dinge, sondern das in Resonanz Treten mit ihnen, sie durch eigenes Vermögen – Selbstwirksamkeit – zu einer Antwort zu bringen und auf diese Antwort wiederum einzugehen, ist der Grundmodus lebendigen menschlichen Daseins (…).» 

 

Aber Achtung vor Resonanz-Hauruckübungen – Hartmut Rosa: «Ein Spezifikum der Resonanz ist es (…), dass sie sich weder sicher erzwingen noch garantiert verhindern lässt.»  Hartmut Rosa, ‘Unverfügbarkeit’, Residenz Verlag

Serie DUO: Schönheit

Der Reiz dieses Duos liegt in der Verbindung von Architektur und Mensch sowie Licht und Schatten. Würde ein Element fehlen, wäre die Wirkung anders, die Bilder unvollständig. So gehen diese beiden Fotografien einen Dialog ein und ergänzen sich visuell trotz einiger Unterschiede ideal – eine harmonische Verbindung. Die erste Fotografie ist beim Palais de Tokyo in Paris entstanden, das zweite Bild bei der Hardbrücke in Zürich.

 

Wer sich von diesem Duo angesprochen fühlt, könnte verleitet sein zu sagen: «Das ist schön». In der Kunst wurde das Ideal des Schönen – les Beaux-Arts – spätestens von der Moderne zerstört. Es schien ein Schimpfwort, eine brutale Abwertung eines Werks zu sein, wenn der Begriff ‘schön’ verwendet wurde. Friedrich Nietzsche (1844-1900) postulierte das Hässliche als ästhetische Kraft, die mitunter stärker ist als das Schöne: «Alles was aufregt, ist angenehm».

 

Doch andere Zeiten, andere Werte – und so sieht der Philosoph Konrad Paul Liessmann aktuell eine Wende zu Gunsten des Schönheitsbegriffs: «Darüber hinaus gewinnt Schönheit aber als Moment des Lebens und der Natur selbst wieder eine Bedeutung, die die Destruktion des Schönen durch die Kunst der Moderne selbst

als historische Episode erscheinen lässt.»

 

Vielleicht suchen wir in unserer Zeit wieder stärker nach der Empfindung von Schönheit, sind offener für deren Verlockungen. Oder bedürfen ihrer einfach wieder mehr. Dabei können wir uns wunderbar auf einen Essay aus dem Jahre 1788 von Karl Philipp Moritz (1756-1793) berufen – was sind schon 233 Jahre Differenz,

wenn es um Schönheit geht… «Das Schöne ist also kein Gegenstand einer erkennenden Reflexion, sondern einer eigenständigen Empfindungsfähigkeit des Menschen, da die Natur des Schönen eben darin besteht, die Grenzen des Verstandes, der Denkkraft zu überschreiten. Das Schöne ist schön, gerade weil die Denkkraft nicht

mehr fragen kann, warum es schön sei.» Aus Konrad Paul Liessmann, 'Schönheit', Facultas Verlags- und Buchhandels AG

Serie DUO: Reflexion

Reflexionen prägen dieses Duo. Beide Fotografien sind beim Peter Merian Haus in Basel entstanden. Die Reflexionen dieser Aufnahmen wirken sich

unterschiedlich aus. Auf dem ersten Bild spiegelt sich die dunkle Silhouette der Person. Auf der zweiten Fotografie reflektiert das gleissende Sonnenlicht derart

stark in der Glasfassade, dass die Helligkeit dominiert. Die Struktur des Gebäudes wird vom gleissenden Sonnenlicht geradezu ausgelöscht. 

 

Reflexion hat zwei Bedeutungen: das Zurückgeworfenwerden von Licht, Schall, Wärme etc. durch etwas. Und: das Nachdenken, Überlegen, Sinnieren über etwas.

Die Reflexion benötigt immer einen Ursprung, einen Gegenstand, um sich auf etwas richten zu können. Sie umfasst eine zeitliche Dimension. Die Zeit des Sonnenlichts, das auf eine Fläche trifft. Zeit, die es braucht, um vertieft über etwas nachzudenken. Auch ist die Reflexion stets eine Verwandlung, das Ursprüngliche tritt in der Reflexion nie genau gleich auf, sie transformiert sich. Beschäftigen wir uns beispielsweise mit einer bestimmten Thematik, denken darüber eingehend

nach, wird sie sich in der Reflexion uns anders, in anderem Licht präsentieren. Diese drei Aspekte kennzeichnen auch die Fotografie – sie bedingt einen Ursprung (einen Gegenstand) sie benötigt Zeit und sie stellt immer eine Verwandlung dar.

  

Ich habe aus Neugier auf google die Begriffe ‘Ursprung Zeit Verwandlung’ eingegeben. Der erste Eintrag verweist auf die ‘Metamorphosen’ von Ovid.

Das berühmte mythologische Gedicht beginnt mit der Entstehung der Welt aus dem Chaos und endet mit der Verwandlung von Cäsars Seele in einen Stern.

Und vielleicht ist die Fotografie ja auch (oder gerade) dies: die Beschäftigung mit dem Vergehen der Zeit in der Hoffnung, ihr etwas Ewiges abzuringen. 

Serie Duo: Melancholie

Zwei Fotografien aus Paris – entstanden im Abstand von zwei Jahren – dieselbe Stimmung: Melancholie. Zwei Frauen prägen das Duo und verkörpern eine schwermütige Atmosphäre. Auf der ersten Fotografie in Form eines sich mit der Spiegelung des Schaufensters verbindenden gemalten Porträts. Auf der anderen Aufnahme nur unscharf, aber im Ausdruck deutlich erkennbar, eine Frau in einer düster wirkenden Umgebung. Beide wirken einsam und distanziert. 

  

Was ist das, Melancholie? Der zeitgenössische Philosoph Laszlo F. Földényi setzt sich in seinem Werk intensiv damit auseinander. Er schreibt in seinem Buch

‘Lob der Melancholie’: «Sie (die Melancholie, Anm.) ist etwas, das, sobald man es benennt, schon nicht mehr das ist, was es ist. Sie ist da, solange sie unsichtbar

ist; sobald sie sichtbar ist, handelt es sich nur noch um ihr Nebelbild. Sie bereichert das Leben; und doch hat man, wenn man von ihr eingeholt wird, das Gefühl, beraubt worden zu sein.».

 

Die Melancholie scheint ein ungreifbar dunkles und dennoch nicht wenigen Menschen innewohnendes Gefühl zu sein. Eine Empfindung, ein Zustand, von dem

nicht eindeutig ist, was ihn auslöst und wie er sich zeigt. Für Földenyi kann sich Melancholie auch in Form von Genialität, von Euphorie, von ausser sich sein ausdrücken. Vielleicht setzen Gefühle tiefer Freude, intensiven Glücks ja voraus, die Empfindung von Melancholie zu kennen und zuzulassen – oder sie mindestens nicht zu verleugnen. 

 

Földenyi: «Die Melancholie erinnert uns an die Unzuverlässigkeit der Gefühle, aber auch an die Vergeblichkeit des sogenannten letzten Wissens. Darauf, dass die Welt, und mögen wir sie uns noch so souverän einrichten, auf wackligen und zerbrechlichen Säulen ruht.» Aus Laszlo F. Földenyi, 'Lob der Melancholie', Matthes & Seitz Verlag