rückzug

Die Folgen des Virus Corona schlagen sich auf unseren Alltag nieder. Wir sind herausgerissen aus unserem gewohnten Leben, haben an Sicherheit verloren. In Zeiten von #stayathome ziehen wir uns zurück. Die Eroberung der Welt ist mindestens für ein paar Wochen ausgesetzt.

 

Für viele von uns beschränken sich die Erfahrungen und Erlebnisse nun auf den privaten Lebensraum und auf die unmittelbare Umgebung. RÜCKZUG ist angesagt. In dieser Serie setze ich mich damit auseinander. Was bedeutet Rückzug für mich? Für uns als Gesellschaft? Welche Bilder, welche Gefühle und Assoziationen evoziert der Begriff Rückzug? 

 

Wie so viele Menschen bin ich seit Mitte März die meiste Zeit zu Hause, schränke mich in meiner Bewegungsfreiheit und den sozialen Kontakten ein. Eine sehr ungewohnte Situation. Einige meiner Fotografien der Serie Rückzug sind während dieser Zeit des persönlichen Rückzugs entstanden. Andere stammen aus meinem Archiv der Fotografien seit 2016. RÜCKZUG umfasst 20 Bilder und ist mittlerweile abgeschlossen.

I

Die Reduzierung der äusseren Eindrücke kann uns empfänglicher machen für das oft nur en passant Wahrgenommene. Beispielsweise für das Erblühen der Natur. Besondere Freude hat mir dieses Jahr der Magnolienbaum im Garten bereitet. Während wir uns abschotten mussten, hat er Mitte März erstmals seit zwei Jahren seine Blüten der Sonne entgegengestreckt.


II

Bei vielen Begegnungen fallen seit einiger Zeit Bemerkungen wie «nun brauchen wir besonders die Natur», «in der Natur finde ich wieder Kraft» oder «jetzt hilft ein Spaziergang in der Natur».

 

Es scheint, wir sehnen uns besonders in Zeiten von Verwirrung und Unsicherheit danach, unseren Geist zu entspannen. Die Natur ermöglicht es uns - in ihr dürfen wir einfach sein und können uns in sie zurückziehen. Ihre Schönheiten, im Kleinen wie im Grossen, geniessen wir und stärken uns daran.

 

Das gewohnte, ewige Entstehen und Vergehen der Natur begleitet uns auf unseren Wegen. 

 

Ich tanke immer wieder besonders Kraft im Unterengadin, einer wunderbaren Region. Hier der Blick auf die Engadiner Dolomiten. 


III

Eine Schaufensterdeko in Laufenburg: manifestierte Osterträume im Jahr 2020


IV

Ein ruhiger, sonniger Abend zu Hause. Langsam schiebt sich frühlingswarmes Sonnenlicht durch das Fenster, gleitet der Wand entlang und zieht den Schatten des Fensters mit sich. Schwarz und weiss im Wechselspiel verhüllen und entblössen den sanft gerundeten Kaminabzug, die raue Beschaffenheit der Oberfläche tritt plastisch hervor. Der Beobachter hat Zeit, wartet ab – die Dinge entwickeln sich. Bevor der Schatten seinen endgültigen Triumph feiert, ergibt sich für einige Momente ein Gleichgewicht, bei dem die Elemente in einer Art harmonischer Vollkommenheit erscheinen. Danach kommt die Nacht. 


V

Ein gewohntes, banales Bild – eine Wasserflasche, zwei Gläser, ein Tisch. Doch im gering beleuchteten Raum wirkt das zufällige Arrangement eher geheimnisvoll und vage. Zurückgezogen in die privaten Räumlichkeiten, bleibt der Blick länger am Alltäglichen haften als üblich. Oder bilde ich mir das bloss ein? Viellicht entdecken wir plötzlich Geheimnisse, wo es eigentlich keine gibt. Aber worüber wir Gewissheit haben sollten, herrscht jetzt Unsicherheit. 


VI

Die Richtung ist gegeben – heimwärts. Und der wilde Strom des Lebens wird plötzlich zum Rinnsal. Wir hetzen nicht mehr durch die Strassen, aufgehoben in der eilenden Menschenmenge und achtlos über den Asphalt treibend. Das ist vergangen – aber schon bald wieder Gewohnheit?


VII

Welche Gebäude verbindest Du mit dem Begriff Rückzug?

 

Ich musste gleich an die Kapelle in Ronchamp von Le Corbusier denken. Als ich sie zuletzt an einem nebligen Novembermorgen besuchte, wirkte sie auf mich mystisch aufgeladen - wie der einzig wahre Zufluchtsort verlorener Seelen. Andächtige Stille hüllte den Hügel ein und die vielen Äste schienen die Kapelle vor aller Störung abzuschirmen. Ich durfte an diesem Morgen eine fragile Atmosphäre absoluter Zurückgezogenheit erleben. 


VIII

Tunnelblick: was uns aktuell fast ausschliesslich beschäftigt, sind die Corona bezogenen Zahlen und die damit verbundenen Herausforderungen.

 

Gestern stiess ich in einem Artikel auch auf Zahlen, allerdings anderer Art: im Nazi-Vernichtungslager Belzec wurden 1942 von März bis Dezember über 440'000 Menschen ermordet. Man weiss nur von drei Überlebenden des Vernichtungslagers Belzec.

 

Drei Überlebende von über 440'000 deportierten Menschen.

 

Die Fotografie zeigt den schmalen, beklemmenden Eingang ins Zentrum des Mémorial des martyrs de la Déportation in Paris.

 

Ich denke, der Mensch ist sich immer noch selbst die grösste Gefahr…


IX

Stiller Rückzug in die innere Welt.


X

Der Asphalt liegt menschenverlassen unter der Sonne.

Zeit für die Tiere, ihn einzunehmen - und unsere Wege auf vier Pfoten fortzusetzen.


XI

Während der letzten Wochen habe ich meinen Wohnort Laufenburg fast nicht verlassen. Häufiger als sonst führen mich die Wege durch Altstadt und Quartiere. Dabei erhalten gewisse Orte eine neue, gesteigerte Bedeutung. Besonders trifft das auf den Spielplatz bei der Grundschule zu, wo ich mit meiner Tochter mehrmals die Woche hingehe. Den haben wir früher wenig besucht, weil er an der lärmigen, stark frequentierten Hauptstrasse liegt. Diese Verkehrsachse ist mittlerweile deutlich ruhiger geworden...

Nicht selten habe ich meine Kamera dabei – und tatsächlich nehme ich diesen Spielplatz auch durch die Linse anders wahr: vielseitiger an Eindrücken, reicher an Inspiration. 


XII

Ein Gedicht von Tomas Tranströmer:

April und Schweigen

Öde liegt der Frühling.
Der samtdunkle Wassergraben
kriecht neben mir
ohne Spiegelbilder.

 

Das einzige, was leuchtet
sind gelbe Blumen.

 

In meinem Schatten werde ich getragen
wie eine Geige
in ihrem schwarzen Kasten.

 

Das einzige, was ich sagen will,
glänzt ausser Reichweite

wie das Silber

beim Pfandleiher.

 

Quelle: Thomas Tranströmer "In meinem Schatten werde ich getragen" Gesammelte Gedichte. FISCHER Taschenbuch, 2. Auflage 2015, Seite 231


XIII

Das Meer – ein Sehnsuchtsort.

 

Vergangenes Jahr im Oktober bin ich das letzte Mal im Meer geschwommen. Das war in Südfrankreich. Ein Jahr zuvor verbrachte ich einige Tage in der Normandie, unter anderem in Etretat, wo diese Fotografie entstanden ist.

 

Seit über einem Monat sind im ehemals freien Europa die Grenzen für die meisten Menschen geschlossen. Und das Meer ist für uns Schweizer entfernter denn je.

 

Den endlosen Horizont über den Wogen des Meeres betrachten – aus Schweizer Perspektive eine Illusion. Die erträumte Weite endet bereits am gesperrten Grenzübergang; die Sehnsucht danach ist stärker denn je. 


XIV

An einem trüben Morgen zieht der Vogel seine Bahn. Elegant schwebt er in Laufenburg über den Rhein. In diesem festgehaltenen Moment wirkt er beinah wie ein unbekanntes Flugobjekt. Fremd auf diesem Bild ist aber nicht der Vogel, sondern sind sich die beiden Länder, welche er ziemlich genau auf der Grenzlinie überfliegt. Deren Ufer wirken gewohnt. Doch sie trennen aktuell mehr, als dass sie verbinden. 


XV

Seit Wochen sind die Grenzen in Europa für die meisten Menschen geschlossen. Ist es nicht erschreckend, wie selbstverständlich die Politiker sie zugemacht haben? Kein „wir sind uns der grossen Tragweite bewusst“, kein „mit grösstem Bedauern “. Man schottet sich national ab, als sei es ein normales Vorgehen. Rücksicht auf die negative Symbolik wird nicht genommen. Die Menschen nehmen das weitgehend kritiklos hin. Man kann die anhaltend geschlossenen Grenzen mit ‘Krisenmodus’ erklären, mit nötigem, entschlossenem Handeln. Diese Situation lässt aber auch eine andere Interpretation zu: wir haben in Europa den Bezug zu unserer Geschichte und ihrer Bedeutung verloren; wir sind ihr nicht mehr verbunden. Im Bild die Altstadt-Brücke in Laufenburg (Schweiz).


XVI

Mir fehlen die Häuser der Kunst. Ich vermisse das Eintauchen in die Architektur, die Erkundung der Räume, das Interieur, die Lichtstimmungen und Geräusche sowie die anderen Besucher. Und natürlich die direkte Begegnung mit den Kunstwerken – ihre Materialität, die Farben der Bilder, die unmittelbare Erfahrung von Skulpturen und Installationen, die Aura der Werke. So gut die zahlreichen digitalen Vermittlungsangebote sind, sie können gerade was Sinnlichkeit und Intensität betrifft einen Besuch nicht ersetzen.

 

Diese Aufnahme vom letzten Jahr stammt aus dem Kunsthaus Aarau. Das Kunstwerk (Platten am Boden) ist von Adrian Schiess (*1959).


XVII

Stille Zeiten in den Tuilerien. Niemand da, der diese verzerrten Schatten betrachten kann. Ein feines Schauspiel ohne Zuschauer. Oder sind die Stühle im gesperrten Park ohnehin weggeräumt?

 

Ich habe mich an diese Fotografie aus dem Sommer 2018 erinnert, als ich in einem Paris-Buch von André Kertesz geblättert habe. Kertesz hat wunderbare Fotografien von Pariser Stühlen hinterlassen. Dieses ikonische Pariser Inventar ist zum gern fotografierten Stadt-Klischee geworden. Ich finde, gerade jetzt tut ein wenig Paris Klischee durchaus gut – man kann sich daran erwärmen und die Sehnsucht stillen, wenigstens ein bisschen.


XVIII

Am Bahnhof hast Du vor langer Zeit das letzte Mal auf den Zug gewartet. Jetzt wartest Du zu Hause darauf, wieder am Bahnhof warten zu können. Auf den Zug, der Dir die Gewohnheit zurückbringt.


XIX

Im 17. Jahrhundert mussten die Laufenburger Einwohner viel erdulden: nicht nur war die Stadt vom dreissigjähren Krieg betroffen, zu Beginn und Ende des Jahrhunderts zogen zwei weitere jahrelange Kriege Laufenburg in Mitleidenschaft. So wurde die Stadtkirche (Foto) 1638 bei einem Angriff stark beschädigt, konnte aber gerettet werden. 100 Jahre lang beschäftigten Krieg und wirtschaftlicher Niedergang die Laufenburger fast ununterbrochen. Auf bedrückende Weise mussten sie sich immer wieder zurückziehen, verschanzen.


XX

Beinahe hätte ich sie übersehen - die Tulpe, die versteckt und geschützt unter dem japanischen Ahorn erblüht ist. Ausser Unkraut wächst dort eigentlich nichts, aber diese schöne Pflanze hat sich durchgesetzt. Ein zurückgezogener Solitär. In der Schweiz erwacht das öffentliche Leben allmählich wieder. Und so schliesst die RÜCKZUG mit diesem Bild. Blumen standen am Anfang und mit einer Blume endet die Serie.